James Freys Messias in New York
Christus reloaded

Für die Christen war er schon hier, die Juden warten noch auf den Messias. Eklat-Autor James Frey stellt sich im neuen Roman schon mal ein mögliches Szenario für das  – womöglich erneute – Eintreffen des Erlösers vor.

Publizistischer Trickser, religiöser Provokateur - und einer der begabtesten Schrifsteller der USA: James Frey, Autor von zum Beispiel „Das letzte Testament der Heiligen Schrift“

Der Messias ist wieder da! Ben Avrohom heißt der Auserwählte und lebt unter den Armen und bei den Obdachlosen im heutigen New York. Wie sein Vorgänger im antiken Palästina sammelt Ben Jünger um sich und bewirkt erstaunliche Wunder. Doch sonst unterscheidet er sich krass von Jesus: Der New Yorker Messias zweifelt offen an der Bibel, hadert lautstark mit Gott und der Welt und um seine allumfassende Liebe zu zeigen, vögelt er gleichzeitig mit Frauen und Männern. Als Bens Wundertaten dann auch einer größeren Öffentlichkeit bekannt werden, ist die Konfrontation unausweichlich. Den Dogmatikern aller religiösen Fraktionen, allen voran den fundamentalen Christen, passt Bens Erscheinen gar nicht in den Kram: Und so endet die bereits bekannte Geschichte, wie sie letztendlich muss. Auch für den neuen Messias scheint kein Platz auf dieser Welt zu sein.

Der amerikanische Schriftsteller James Frey wurde 2003 mit seiner fiktiven Autobiografie „A Million Pieces“ bekannt, in der er von seiner frühen Karriere als kleiner Gangster, von Drogensucht und Knastaufenthalten erzählte. Sein Roman hatte zuvor keinen Verlag gefunden, erst als Frey sich als Ex-Gangster ausgab, boomte das Buch. Nach einem Auftritt bei Oprah Winfrey ging die Auflage noch mal hoch. Als die Sache aufflog, entschuldigte sich Frey zwar öffentlich für seinen publizistischen Trick, doch die TV-Moderatorin und die amerikanischen Literaturkritiker, die auf den „hoffnungsvollen Autodidakten“ hereingefallen waren, werden ihm wohl nie wirklich verzeihen.

Dabei ist Frey wirklich einer der interessantesten und begabtesten Autoren der USA. Sein literarischer Trick im Messias-Roman: Er lässt nur Bens Freunde, Jünger und Gegner zu Wort kommen, jeder erzählt seine eigene Version der spannenden Geschichte, mal rotzig, mal begeistert, mal böse und sarkastisch. So entsteht ein Fluss unterschiedlichster Stimmen, der dieser völlig irren Geschichte eine unbeschreibliche Authentizität verleiht. Für die deutsche Ausgabe wurden die Kapitel der einzelnen Personen von bekannten Autorinnen und Autoren wie Zoë Jenny, Julie Zeh, Gerd Haffmanns oder Harry Rowohlt übersetzt.

Wenn James Frey mit seiner neuen Version der Bibel provozieren wollte, dann ist ihm das gelungen: Den Nerv der echten christlichen Fundamentalisten hat er auf jeden Fall getroffen. Nach der Veröffentlichung von „Das letzte Testament“ brach ein religiöser Shitstorm über ihn herein. John Niven lässt grüßen.

James Frey – „Das letzte Testament der Heiligen Schrift“, übersetzt von Zoë Jenny, Julie Zeh, Gerd Haffmanns, Harry Rowohlt u.a., Haffmanns & Tolkemitt, Berlin 2012, 448 Seiten, 19,95 Euro

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