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Max Richter im Interview „In Berlin haben die Menschen Raum“
von Martin Hildebrandt am 29. August 2012
Der Brite Max Richter ist einer der bedeutendsten zeitgenössischen Filmkomponisten. Unter anderem schrieb er die Musik für “Waltz with Bashir” oder Scorseses “Shutter Island”. Nun hat er sich der Recomposed-Reihe der Deutschen Grammophon angenommen und Vivaldis “Vier Jahreszeiten” neu einspielen lassen. Wir trafen ihn zum Interview. Max Richter: Berlin ist ein kreativer Schmelztiegel. Obwohl mein Hintergrund auf klassischer Musik basiert, interessiert mich elektronische Musik ebenso. Und an dieser Schnittstelle geschieht hier sehr viel. Die Stadt macht eine sehr spannende Phase durch, ist lebendig. Und das beziehe ich nicht nur auf die Partyszene. Auch in der klassischen Musik hat Berlin viel zu bieten. Tolle Musiker, gute Studios und so weiter. Gibt es einen Ort, der Sie besonders inspiriert? Max Richter: Es ist die Stadt als Ganzes. Die Geschichte. Berlin ist kein Museum, aber ein Geschichtsbuch aus Stein. Mir fällt dazu das Wort Palimpsest ein, was bedeutet einen Text über einen anderen Text zu schreiben. Und so fühlt sich Berlin an. Man kann jederzeit in eine andere Zeit eintauchen und daraus neue Ideen gewinnen. Da wo wir uns gerade für dieses Gespräch befinden, war früher ein jüdischer Kindergarten. Es kommen so viele Dinge gleichzeitig hervor. Und wie hilft diese Erfahrung beim Komponieren? Max Richter: Musik machen heißt Geschichten erzählen. Und diese Stadt ist voller Geschichten. Wo sind die Geschichten eher zu finden? In einem Club wie dem Berghain oder in der Philharmonie? Max Richter: Beides. Die Philharmonie ist ein heiliger Schrein, wo viele großartige Dinge geschehen. Es gibt aber auch so viele kleine aufregende Dinge, eine Untergrundkultur. Das ist toll, weil es nicht viele Städte gibt, wo man diese Möglichkeiten hat. London ist viel zu voll dafür. Hier haben die Menschen Raum, physisch gesehen. Detroit wäre eine Option. Max Richter: Ja. Zudem hat Detroit eine interessante musikalische Vergangenheit. Aber ich bin mehr Europäer. Für die Recomposed-Reihe haben bereits Carl Craig oder Matthew Herbert Alben herausgebracht. Was verbindet Sie mit diesen Produzenten? Max Richter: Ich habe ehrlich gesagt keine Ahnung. Die Serie hat in der Tat ihre spezifische Linie. Aber ich habe mir die anderen Platten ganz bewusst nicht angehört, da ich unbefangen an meinen Beitrag herangehen wollte. Max Richter: Ich mag die Idee der Konversation mit einem bestehenden Werk. Zudem liebe ich Vivaldi. Die Idee “to recompose” – also etwas neu zusammenzusetzen – hatte ich schon eine ganze Weile, bis ich dann herausgefunden habe, dass es diese Reihe gibt. Und was haben Sie mit Vivaldi gemeinsam? Max Richter: Vivaldi ist auch eine Form der „Pattern-Musik“. Musik, die einem bestimmten Muster folgt. Und so würde ich auch meine Musik beschreiben. Wir leben in einer Post-Minimal-Zeit und Vivaldi ist genau jemand, der diese effektvollen Patterns komponiert hat. Insofern ist da für mich eine natürliche Verbindung. Und was war der Grund, warum Sie „Vier Jahreszeiten“ ausgewählt haben? Ein Meisterwerk, das jeder kennt. Max Richter: Ich wollte ein Stück nehmen, das ich wirklich mag und mit dem jeder etwas assoziiert. Zudem lädt Vier Jahreszeiten gerade dazu ein es auseinanderzunehmen und wieder zusammenzufügen. Ein Remix, wie sie sonst in der Reihe üblich sind, hätte nicht gepasst. Vivaldi funktioniert über die Noten. Man kann die Fragmente nicht so einfach individuell herumschieben. Daher habe ich das Werk neu geschrieben und von einem Orchester spielen lassen. Die “Vier Jahreszeiten” lassen sofort Bilder im Kopf entstehen. Winter, Sommer und so weiter, vergleichbar mit Filmmusik. Sind das die Assoziationen, die Sie auch haben? Max Richter: Vollkommen richtig. Vivaldi sagt ja sehr genau, welche Naturerscheinung er imitiert. Dies ist ein Betrunkener, das ist Hundegebell und so weiter. Seit der Kindheit habe ich wie viele andere diese Bilder im Kopf. Aber als ich anfing mit dem Werk zu arbeiten, habe ich diese Bilder aus dem Kopf verbannt und nur auf die Noten geachtet. Denn um die geht es. Wie haben Kollegen aus der Klassik reagiert? Gab es nicht auch ablehnende Stimmen? Max Richter: Die meisten waren wirklich begeistert. Der Geiger Daniel Hope, Dirigent André de Ridder, aber auch viele andere. Auf der anderen Seite ist das Werk für den einen oder anderen heilig, weshalb ich erwarte, dass sie wütend sein werden. Verständlich aus einer eher konservativen Sichtweise heraus. Angst vor Angriffen ist aber nicht der Grund, warum die Uraufführung im Berghain und nicht in der Philharmonie stattfindet? Max Richter: Nein. Es ist genau der richtige Ort dafür. Das Berghain ist eine leere Projektionsfläche für das Werk. “Recomposed by Max Richter: Vivaldi, The Four Seasons” (Deutsche Grammophon/Universal), 31.August 2012 Konzert mit Max Richter und Francesco Tristano: 4. September 2012, Berghain, Berlin Ähnliche Artikel Auch von August bis November lassen sich in Deutschland… Von ‘Rock am Ring’ oder dem ‘Hurricane Festival’ hat jeder schon mal gehört. Deswegen sind die… Cascada for last! Nilz Bokelberg erhofft sich für Deutschland eine pädagogisch wertvolle… Martin Freund begibt sich auf die Spuren von King Henry VIII. und seiner Vielweiberei. Mit dabei… Jared Leto macht wieder Musik. Ein neues Album mit seiner Band ’30 Seconds To Mars’ kommt… Die TITANIC Boygroup gibt nach 17 Jahren ihre bundesweite…
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