Couchliteratur
Liegen lernen

Die Kunst des Liegens: Bernd Brunner entdeckt zwischen Wissenschaft und Kulturhistorie von Michelangelo bis Groucho Marx gute Gründe für die Horizontale.

Bernd Brunner

Mindestens für dieses Bild hat er die Horizontale verlassen: Bernd Brunner

Ganz schön verpennt, die Menschheit, denn ein Drittel unseres Lebens liegen wir. Meist schlafen wir allerdings dabei, schreibt der Kulturwissenschaftler Bernd Brunner. Dabei ist das Liegen an sich etwas eminent Entschleunigendes, das weit über schlichtes Erholen hinausgeht: Beim Lesen kann man zum Beispiel prima liegen, ganz romantisch beim Sternegucken oder natürlich beim Lieben. Und wie könnte man die größte zivilisatorische Errungenschaft, den Urlaub, denn genießen, wenn denn nicht liegend am Strand?

Bernd Brunner, Jahrgang 1964, bewegt sich schon seit Jahren auf dem breiten Pfad zwischen Wissenschaft und Kulturhistorie und hat die Leser bereits mit klugen Ausführungen über die Erfindung des Weihnachtsbaumes, die Faszination des Mondes und die Beziehung von Mensch und Bär unterhalten. Nun schreibt er amüsant darüber, wie das Liegen im Lauf der Menschheitsgeschichte vom notwendigen Ruhen zum Teil der menschlichen Kulturgeschichte wurde. Nicht umsonst ist die Couch eines der wichtigsten Möbelstücke der bürgerlichen Wohnkultur – bis heute, wenn man sich mal genau in den Möbelhäusern umhört.

Auch die Literatur beschäftigte sich ausführlich mit dem Liegen: Iwan Gontscharows großer Faulheitsroman „Oblomow“ aus dem Jahr 1859 ist ein befreiender Wurf gegen das bürgerliche Pflichtdenken. Liegen hat aber auch nicht unbedingt mit Faulenzerei zu tun, denn viele Literaten schrieben im Bett: Marcel Proust, Mark Twain und Heinrich Heine etwa, Letzterer allerdings krankheitsbedingt. Und Michelangelo, der an der Decke der Sixtinischen Kapelle eines der schönsten abendländischen Kunstwerke schuf, lag dabei auf dem Rücken. Man kann eben viel tun im Liegen – nicht zuletzt verweist Brunner auf das horizontale Gewerbe, das seit Jahrtausenden fleißig ist. „Was man nicht im Bett tun kann, ist es nicht wert, getan zu werden“, soll ja schon Groucho Marx gesagt haben. Wo er Recht hat …

Couchliteratur:
Bernd Brunner – “Die Kunst des Liegens – Handbuch der horizontalen Lebensform”
Galiani Berlin, 168 Seiten, 16,99 Euro

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